Die Jagdsaison 2005 hat wie jedes Jahr bereits mit dem Rückzug des Schnees begonnen. Schon im Mai waren die Salzlecken in tiefern Lagen zu kontrollieren und die verschiedenen Ansitze zu reparieren und zu verblenden. Im Sommer war mit den Zahlreichen Wildbeobachtungen die Vorfreude auf den ersten Jagdtag zunehmend zu spüren. Das Wiedersehen kapitaler Gämsen oder gewitzter Hirsche, welche man in der vergangen Jagdsaison erfolglos nachgestellt hatte, machte Freude und gleichzeitig stieg auch der Ergeiz, es dieses Jahr besser machen zu wollen.
Bereits während den Sommermonaten konnte ich im Jagdgebiet einige hervorragende Wild-beobachtungen geniessen und es zeichnete sich ab, dass die kommende Jagdsaison gut angehen könnte. Einige schöne Hirsche, viel Kahlwild und schöne Gemsbestände konnten in dem mit wuchtigen Felsen durchwachsenen Wald an der gegenüberliegenden Talseite den ganzen Sommer hindurch beobachtet werden.
Am Vorabend war ich wie immer zusammen mit meinem Vater auf dem Beobachtungsposten und spähte ein letztes Mal in das Jagdgebiet. Nachdem das Inntal kurz vor der Landesgrenze zu Österreich eng ist, kann man das Wild mit entsprechender Optik problemlos von einer Talseite zur anderen ansprechen. Es war zwar nicht mehr so viel Anblick zu verzeichnen wie im Sommer, dennoch war ich mit meinen Beobachtungen sehr zufrieden.
Der Wecker holte mich um 4:30 Uhr langsam aus dem Tiefschlaf. Die Müdigkeit war mit dem Gedanken, dass an jenem Tag die Jagd begann, jedoch rasch verflogen. Noch kurz meinen Vater wecken, um in aller Ruhe zu Frühstücken und einen frischen Kaffee zu trinken, bevor wir um Viertel nach fünf das Haus verliessen, um Rechtzeitig auf der anderen Talseite im Ansitz anzukommen.
Nach einer kurzen Fahrt mit dem Jeep bis zum nächsten Dorf, ging’s von dort per Velo und zu Fuss ins Jagdgebiet. Wenige Minuten nach 6 Uhr erreichte ich den Ansitz und genoss die Stille der Dunkelheit. In einer Entfernung von ca. 300 Metern stürzte ein Wasserfall über eine steile Felswand und mit dem leichten Talwind entwickelte sich ein leises Rauschen. Die ersten Lichtstrahlen kämpften gegen die Dunkelheit an und der Gesang der ersten Waldvögel drängte das Rauschen des Wasserfalls zur tosenden Quelle zurück.
Auf der anderen Seite des Tobels wurden die Erlenstauden langsam sichtbar und ich begann den Blätterwald mit dem Feldstecher zu durchforsten; in der Hoffnung, ein Hirsch hätte sich darin im Dunkeln eingenistet, bevor er im Morgengrauen das nahe Dickicht des Gebirgswaldes aufsuchen würde. Im Sommer hatte ich hier einige Male guten Anblick gehabt und ich war deshalb für den ersten Jagdtag guten Mutes.
Plötzlich hörte ich unter mir Geräusche im Dickicht. Ich schaute auf die Uhr und stellte zu meiner Enttäuschung fest, dass diese erst 06:20 anzeigte. Wenn sich der Hirsch jetzt zeigen würde, könnte ich ihm lediglich nachschauen und hoffen, dass er nicht vor 06:30 in den Wald ziehen würde. Aufgrund der Geräuschstruktur vermutete ich jedoch bald, dass es sich um andere Jäger handeln müsste. Tatsächlich sah ich kurze Zeit später zwei Jäger in meine Richtung schreiten. Sie nahmen einen Ansitz ein, der sich etwa 20 Meter unterhalb von mir hinter einer grossen Lärche befand. Ich blieb unerkannt.
Die Turmuhr im entfernten Dorf schlug soeben 6:30 und die Jagd war somit offiziell eröffnet. Die Minuten gingen vorüber und es geschah wie so oft nichts.
Mein Vater war ca. 500 Meter weiter vorne auf gleicher Höhe postiert. Plötzlich vernahm ich einen Schuss aus seiner Richtung. Kurze Zeit später einen Zweiten. Doch bei mir bewegte sich nichts, so dass ich mir überlegte, ob ich mich bei den Jägern unterhalb von mir zu erkennen geben sollte. Ich beschloss weiterhin unbemerkt in meinem Ansitz zu verharren, was sich kurze Zeit später auszahlen sollte.
Völlig unerwartet trat - an der von mir erhofften Stelle - ein Hirsch aus dem Jungwuchs hervor. Er war ziemlich rasch unterwegs und er schien auf der Flucht zu sein. Hatten die beiden Schüsse von vorhin diesem schönen Hirsch gegolten? Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren nahm ich den Feldstecher zur Hand, um die Jagdbarkeit zu beurteilen. Dank einer 10-fachen Vergrösserung war es problemlos möglich, die Gabel an der Geweihspitze auszumachen. Nun galt es aber rasch das Gewehr zur Hand zu nehmen und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Kugel anzubringen. Die Vergrösserung des Zielfernrohres auf 6-fach gestellt, konnte ich den Hirsch sehr gut durch das Glas betrachten. Ich durfte nicht lange warten, denn ich musste davon ausgehen, dass auch die Jäger, die nach mir kamen, den Hirsch bereits erblickt hatten und sich in gleicher Position wie ich befänden.
Top oder Flop
Ich sass angespannt und blickte durch das Zielfernrohr. Mein einziger Gedanke war: „Bleib doch nur eine Sekunde stehen, damit ich einen guten Schuss anbringen kann“. Doch der Hirsch zog in raschen schritten zwischen grossen Steinen über Kiesgeröll. Beim Bach angelangt legte er sich unverhofft ins kalte Bergquelwasser des Baches. Ein solches Verhalten hatte ich noch nie beobachten können und ich war völlig überrascht. Ich wusste nicht, was mit dieser Situation anzufangen. Der Hirsch war in guter Schussdistanz und ich konnte nicht schiessen. Dadurch, dass er sich hinlegt hatte, ragten nur Träger und Kopf zwischen den Steinen hervor. Auf diese Distanz einen Trägerschuss anzubringen erschien mir etwas riskant. Plötzlich stand er auf. Doch noch bevor ich den Stecher zu ziehen vermochte, lag er erneut im Wasser und genoss sichtlich die Abkühlung. „Hat er möglicherweise eine Schussverletzung? Hatte der Jäger dessen Schüsse ich vorhin hörte diesen schönen Hirsch verletzt?" ging mir durch den Kopf. Ich war noch in Gedanken versunken, als sich der Hirsch plötzlich erhob und eilenden Schrittes dem Wechsel folgte, um in die sichere Deckung der Bergerlen zu flüchten. Ich wusste, dass es sehr schwierig wäre, einen gut platzierten Schuss auf einen rasch ziehenden Hirschen auf diese Distanz anzubringen. Doch als er den Bachtobel verlassen wollte, musste er seinen Schritt etwas verlangsamen und er verharrte so für einen kurzen Augenblick. Dieser dauerte sicher nicht länger als zwei Zehntel einer Sekunde. In diesem Moment ertönte ein lauter, dumpfer Knall. Die Kugel hat den Hirsch hochblatt getroffen. Er sackte sofort zusammen und stürzte ca. 10 Meter den Tobelrand hinab, wo er regungslos liegen blieb.
Da lag er nun. Ein schöner Hirsch. Erlegt um 07:00 Uhr des ersten Jagdtages 2005. Welch ein Jagdglück. Nach einem kurzen Moment der Andacht und der Freude über diesen wunderbaren Jagderfolg packte ich meinen Rucksack und machte mich in Richtung des Hirsches auf. Die nächste Strasse war nur etwa 500 Meter Luftlinie entfernt. Die Bergung war jedoch äusserst mühsam, so dass wir für diese wenigen Meter mehrere Stunden benötigten. Der 125 kg schwere Hirsch und die ansprechende Trophäe liessen diese Strapazen jedoch rasch wieder vergessen.
Danach war ich noch einige Tage mit meinem Vater auf der Jagd. Ich konnte wiederum viele schöne Stunden geniessen, wunderbare Naturschauspiele miterleben und sehr guten Anblick auf Gämse, Hirsch und Reh geniessen. Die Jagd 2005 war insgesamt sehr erfolgreich, hatte ich doch das Glück, nebst diesem Hirsch noch ein Stück Kahlwild und eine prächtige Gämsgeiss zu erlegen. Auch meinem Vater war das Jagdglück mit zwei Gämsen hold.
Nach den Anstrengungen dieser Jagd war ich dann froh als der letzte Jagdtag zu Ende ging, doch bereits am nächsten Tag freute ich mich wieder auf den 9. September des Folgejahres – dem ersten Jagdtag 2006.