Wie jedes Jahr ging’s auch 2006 bereits im Sommer mit Wildbeobachtung, Ansitzpflege usw. früh ins Jagdjahr. Im Unterschied zu anderen Jahren, konnte ich aus beruflichen Gründen nicht so oft wie gewünscht meine Wochenenden im Engadin verbringen und hatte somit auch weniger Gelegenheit den Wildbestand in meinem Jagdgebiet zu erkunden. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass der Wildbestand im Vergleich zu anderen Jahren geringer war. Es fehlten die Hirsche und auch der Bestand an jagdbarem Gemswild war ausserordentlich schwach. Ich konnte mehrere vereinzelt auftretende Stücke Kahlwild, die jedoch mehrheitlich führend waren, ausmachen. Jagdbare Schmaltiere waren selten zu beobachten und Hirsche hatte ich nur einen einzigen erblickt.
Obwohl ich auch am Vorabend des 1. Jagdtages nicht sehr viel Anblick hatte, war ich trotzdem guten Mutes und freute mich, den ersten Jagdtag erstmals gemeinsam mit meinem Sohn zu erleben.
Der 1. Jagdtag
Wie immer, am Morgen bereits vor 5 aus den warmen Federn, die Müdigkeit aus dem Kopf und den Knochen verdrängen und einen ersten Kaffee geniessen. Die letzten taktischen Absprachen mit meinem Vater und bereits konnte es losgehen. Zusammen mit meinem Sohn habe ich mich in Richtung des im Sommer erstellten Ansitzes gemacht. Es war der einzige Ort, an welchem ich im Sommer einen Hirsch beobachten konnte und ich hoffte insgeheim, dass auch heute wieder etwas vorbei ziehen würde.
Wir schritten durch die Dunkelheit. Über den Berggipfeln entfachte sich bereits das anbrechende Tageslicht. Wir gingen ohne Zusatzlicht, als es plötzlich raschelte und knackste. Wenige Meter vor uns waren die Umrisse einzelner flüchtender Tiere zu sehen, es war jedoch noch zu Dunkel, um etwas zu erkennen und die Jagd war auch noch nicht eröffnet. Begleitet von einer leichten Enttäuschung ging es weiter bergwärts. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Ansitz und wir rasteten, um die letzten Minuten bis 06:30 abzuwarten. Es war ganz still und keine möglichen Anzeichen von Wild auszumachen. Als es dann so weit war, gingen wir die letzten Schritte und nahmen unseren Ansitz ein.
Sofort erkannte ich, dass sich - nicht weit von uns entfernt - etwas zwischen den Bäumen bewegte. Durch das Fernglas war zu erkennen, dass es sich um einen Rehbock handelte. Ich konnte aber nicht erkennen, ob er jagdbar war. Zum Glück durchflutete das Tageslicht den dichten Wald immer stärker, sodass ich rasch feststellen konnte, dass der Bock eher schwach war. Ich entschloss mich, ihn ziehen zu lassen, mit dem Hintergedanken, einen allfällig in der Nähe stehenden Hirsch nicht zu vergrämen. So sassen wir beide da und warteten. Warteten darauf, dass etwas vorbeiziehen würde und auf bessere Zeiten, die dann trotzdem nicht kamen. Gegen Mittag entschlossen wir uns wieder nach Hause zurückzukehren. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass es meinem Vater nicht besser als uns ergangen war.
Nachdem der Vormittag nicht ganz nach Wunsch verlaufen war, entschloss ich mich am Abend an einem anderen Ort Ansitz zu nehmen. Meine Tochter, welche auch schon erfolgreiche Jagdtage mit mir erlebt hatte, wollte mich begleiten. Nach einem kurzen Anstieg kamen wir an einer grossen Lichtung an und setzten uns gut getarnt auf die Lauer. Doch es bewegte sich nichts. Wir warteten schon über drei Stunden und die Langeweile machte sich bemerkbar Die Hoffnung schwand, am ersten Jagdtag noch etwas zu erlegen. Doch da trat unvermittelt und raschen Schrittes ein Schmaltier aus dem Wald. Es war mit ca. 200 Meter ziemlich weit entfernt und die Lichtung war an der Stelle nur wenige Meter breit. Sofort hob ich den Feldstecher, musste aber feststellen, dass es sehr rasch an der anderen Seite der Lichtung wieder in den dichten Wald wechselte und eine Schussabgabe unmöglich war. „Vielleicht kommt noch etwas nach“ sagte ich zu meiner Tochter. Wir sassen angespannt und warteten. Doch leider zeigte sich nichts mehr und wir mussten ohne Jagderfolg zurückkehren.
Dies sollte für ein paar Tage auch so bleiben. Obwohl ich immer wieder Anblick hatte, fehlte stets das Quäntchen Glück. An einem sonnigen Tag als ich mich auf einer Felszinne postierte um zu warten, dass auf der gegenüberliegenden Talseite Gämsen zum äsen austreten würden, wendete sich das Blatt. Bereits am frühen Nachmittag konnte ich einzelne Gämsen in den mit Bergerlen, Fichten und Arven bewachsenen gegenüberliegenden Felsen erkennen. Es war jedoch schwierig, eine nicht säugende Geiss auszumachen. Immer wieder kam eine zum Vorschein, verschwand nach kurzer Zeit wieder, dann kam eine andere, welche sich hinter eine andere Deckung verkroch und so ging es eine ganze Weile weiter. Um ganz sicher keinen Fehlabschuss zu tätigen, entschloss ich mich, eine Jährlingsgeiss zu erlegen. Ich hatte eine mit sehr kurzen Krickeln ausgemacht, die sicher den strengen Jagdvorschriften entsprechen würden. Als diese Geiss erneut aus dem Dickicht zum äsen austrat, konnte ich ohne Hast die Kugel anbringen. Die Gämse sackte, ohne einen weitere Schritt zu machen, auf der Stelle zusammen und blieb regungslos liegen. Mit Andacht und auch Freude über diesen Jagderfolg blieb ich noch eine Weile sitzen, schaute den übrigen Gämsen zu, wie eine nach der anderen - den nahen Bach überquerend - in den sicheren Wald flüchtete, bevor ich zur Gämse aufstieg und die rote Arbeit verrichtete. Nun war die Voraussetzung erfüllt, um die Jagd auf einen Gämsbock aufnehmen zu dürfen.
Bereits beim Abstieg – mit der erlegten Gämse auf dem Buckel – hatte ich das Glück einen prächtigen Bock zu erblicken. Diesen Bock kannte ich bereits seit einigen Jahren. Für mich ist und war es schon immer etwas spezielles, einen Bock zu bejagen, den ich bereits längere Zeit kannte. Oft hat es sich ergeben, dass ich über mehrere Jahre denselben Bock bejagt hatte. In vielen spannenden Begegnungen ging der Bock oft als Gewinner hervor und ich musste die Niederlage einer erfolglosen Jagd oder Pirsch einstecken. In einigen Fällen gelang es mir dann nach mehreren Anläufen und mit viel Ausdauer zum Teil erst nach 3-4 Jahren einen dieser Böcke endlich zur Strecke zu bringen. Auch dieser Bock wird’s mir nicht so leicht machen.
Nachdem ich mich am erwähnten Tag entschlossen hatte, den Bock nicht zu bejagen und ihn stattdessen erst am anderen Morgen diesen anzusitzen, zog ich bereits in aller Frühe zu Berge. Dort, wo ich ihn am Vorabend zuletzt gesehen hatte, wartete ich darauf, dass er zum äsen austreten würde. Mehrere Stunden vergingen und es war kein Bock zu sehen. Ich war so sehr überzeugt, dass sich dieser Bock an genau der Stelle früher oder später wieder zeigen würde, dass ich fortan jeden Morgen und jeden Abend an dieser Stelle sass und wartete. Jeder Jäger weiss wie es ist, im Wald zu sitzen, auf einem ungemütlichen, harten und zu kleinen Brett auszuharren. Vor sich eine Lichtung von wenigen hundert Quadratmetern und kein Stück Wild zu sehen. Kein Steinerollen - kein Ästeknacksen - nichts als öde, gähnende Leere und Langeweile und trotzdem immer die Spannung und die Hoffnung, dass sich das erhoffte Tier zeigen würde. So auch hier. Am dritten Morgen – ich hatte innerlich bereits kapituliert – zeigte sich der Bock kurz vor sieben Uhr an der erwarteten Stelle. Wiederum konnte ich ohne Hast und ohne dass der Gämsbock etwas von meiner Anwesenheit bemerkt hätte, die Kugel präzise anbringen. Der Prächtige Bock fiel ohne einen weiteren Schritt zu tun – im Augenblick als der dumpfe und tödliche knall durch den Wald rollte - in sich zusammen und blieb regungslos liegen. Für mich hat sich die Geduld diesmal ausbezahlt. Ich hatte einen beeindruckenden Gämsbock erlegt und war nun gespannt auf sein Alter. Die schön geformten schwarzen Krickel waren leicht mit Harz bedeckt. Ich konnte das Alter ohne Mühe feststellen und ich freute mich, diese braven 8 jährigen Bock erlegt zu haben.
Bevor ich wieder zur Arbeit musste, konnte ich noch einige schöne und erfolgreiche Jagdtage mit meinem Vater verbringen. Wie folgendes Bild zeigt, war auch ihm das Jagdglück hold und er konnte zwei Gämsböcke und eine Geiss erlegen. So ging ein weiteres Jagdjahr – diesmal ohne Erfolg bei der Hirschjagd – vorüber. Ich freue mich bereits auf das Jagdjahr 2007.