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Vorfreude
Währenddem sich in den vergangenen Jahren im Sommer jeweils sehr gute Wildbestände im Jagdgebiet bildeten, war dieses Jahr alles anders. Möglicherweise bedingt durch die guten Witterungsverhältnisse und Äsungsmöglichkeiten anderswo, hielten sich nur wenige Tiere in „meinem Revier“ auf. Gämsen waren – ausser ein paar Jungböcke - kaum auszumachen und das Hirschwild war lediglich durch wenige Exemplare Kahlwild vertreten, wovon vielleicht zwei effektiv jagdbar waren. Vorfreude kam bei mir kaum auf und gedanklich stellte ich mich bereits auf mein erstes Jahr ohne Jagderfolg ein.

Der erste Jagdtag
Nachdem wir am Vorabend beim „Spiagla“ keinen nennenswerten Anblick hatten, gingen mein Sohn und ich am ersten Jagdmorgen ohne grosse Zuversicht durch die Dunkelheit auf einen unserer traditionellen Ansitze. Wir hofften, dass die übrigen Jäger anderswo etwas Wild vertreiben und dieses dann bei uns vorbeiziehen würde. Mein Vater hatte sich einige hundert Meter von mir an einer anderen Stelle postiert und hoffte darauf, das Wild auf dem Wechsel zum Tageseinstand zu erwischen.

Als es langsam zu tagen begann und sich die Konturen des gegenüberliegenden Hangs nach und nach erblicken liessen, stellte sich dann doch noch das Gefühl des ersten Jagdtages ein. Freude an der Natur, der Stille und Einsamkeit, möglichst losgelöst von Alltagsgedanken und voller Freude und Erwartungen in die darauffolgenden Stunden. Leider blieb es diesmal tatsächlich bei einer nicht erfüllten Hoffnung. Auch aus der Richtung meines Vaters vernahm ich keinen Schuss, so dass ich bereits bevor wir uns am vereinbarten Ort trafen, davon ausging, dass auch er keinen Erfolg hatte. Tatsächlich; weder er noch ich hatten Anblick. Es war Mittagszeit und wir entschlossen uns etwas zu ruhen, bevor wir am Abend wieder ansitzen wollten. 

Am späten Nachmittag sprachen wir uns erneut ab, wer welchen Ansitz einnehmen soll. Wir einigten uns, dass mein Vater den Ansitz im Urezza belegen würde, währendem ich das Hirschwild auf einem Wildwechsel im Wald abpasste. Aus Erfahrung wusste ich, dass vor Sonnenuntergang nicht sehr viel Betrieb herrschte. Deshalb beunruhigte es mich auch nicht sonderlich, als es – genau wie am Morgen - Morgen sehr ruhig blieb. Nachdem die Sonne hinter dem Piz Arina unterging, spürte ich jedoch etwas Enttäuschung aufkommen. Um so mehr erschrak ich, als auf einmal ein lauter Knall die Stille zerriss. Der Schuss kam aus der Richtung ertönte, wo mein Vater seinen Ansitz eingenommen hatte. Ich machte mich sofort bereit, weil ich nur einige hundert Meter von ihm entfernt war und darauf hoffte, dass das Wild bei mir vorbeiflüchtete. Nach mehr als einer Viertelstunde – es begann bereits etwas einzudunkeln – entschied ich, mich in Richtung meines Vaters aufzumachen. Er hatte ein Stück Kahlwild erlegt und war eben mit der roten Arbeit fertig geworden, als ich dort ankam. Wir zogen das Tier zur nächsten Strasse und schlossen diesen erfolgreichen ersten Jagdtag mit einem kräftigen Schluck „Palorma“ ab.  

Ein Rudel Rotwild
Am zweiten Jagdtag versuchten wir die Hirsche, die während der Nacht jeweils die Wiesen von Raschvella ästen, auf ihrem Wechsel in den Tageseinstand zu bejagen. Mein Vater lauerte begleitet von meinem Sohn am Wildwechsel, währendem ich versuchte eine frische Fährte auszumachen und dieser dann nachzupirschen. Bereits auf der Wiese konnte ich feststellen, dass sich Hirsche nachts dort aufgehalten hatten. Nach über 30 Jahren Revier-erfahrung, wusste ich natürlich was nun zu tun war. Schon kurze Zeit später entdeckte ich das Rudel Hirschwild im Wald. Obwohl ich sehr vorsichtig war, hatten sie meine Anwesenheit leider bereits bemerkt. Ich hob meinen Feldstecher und sah, dass auch ein Achter-Hirsch dabei war. Rasch nahm ich meine Wüthrich in Anschlag und versuchte den Hirsch durchs Zielfernrohr ins Fadenkreuz zu kriegen. Doch ich konnte ihn nicht finden. Lauter Bäume, Sträucher und Steine! Durch das Zielfernrohr (mittlerweile auf 10-fache Vergrösserung gestellt) suchte ich den Wald ab, erblickte jedoch nur das dort nervös gewordene Kahlwild. Ich suchte weiter und wusste, dass ich nur noch wenige Sekunden zur Verfügung hatte, bevor sich alle aus meinem Blickfeld entfernten. Ein Stück Kahlwild zu erlegen, war mir zu riskant, da die Jagdbarkeit in einer solch hektischen Situation nicht mit der notwendigen Sorgfalt eingeschätzt werden konnte. Umso mehr freute ich mich, als ich durch das Zielfernrohr plötzlich einen Schmalspiesser entdeckte. Die Schussdistanz war gut und ich entschloss mich zur Schussabgabe. Ein dumpfer Knall durchbrach die morgendliche Ruhe und das Rudel flüchtete rasant durch den Wald. Leider nicht in die Richtung wo mein Vater seinen Ansitz genommen hatte.

Da der Hirsch nach der Schussabgabe flüchtete und somit aus meinem Blickfeld ver-schwand, wartete ich noch etwas und ging erst nach einer Weile, mit leicht gemischten Gefühlen, zum Anschussplatz. Seit ich die neue Munition verwendete, war ich es gewohnt, dass das beschossene Wild jeweils im Feuer lag. Deshalb befürchtete ich diesmal vielleicht einen Fehlschuss zu haben. Als ich am Anschuss ankam, traf mein Vater, welcher nur etwa 200 Meter entfernt war, auch bereits ein und fragte noch ganz ausser Atem: „Wo ist er“? „ Wir müssen suchen!“ antwortete ich etwas zerknirscht. Ich hatte mir exakt eingeprägt, wo der Hirsch bei der Schussabgabe stand und fand die entsprechende Stelle somit problemlos. Sofort kam Erleichterung bei mir auf. Es war viel Schweiss am Boden zu sehen. Aufgrund der guten und deutlichen Schweissspur entschlossen wir uns, vorerst den Hirsch ohne Unter-stützung des Schweisshundes zu suchen. Tatsächlich nach wenigen Metern hatte sich der Hirsch niedergelegt und war bereits verendet, als wir bei ihm ankamen. Nach der roten Arbeit und einem verdienten Schluck „Palorma“ zogen wir den Hirsch zur nahegelegenen Strasse und traten stolz den Heimweg an.

Die neue Munition
Seit rund 3 Jahren verwende ich nicht mehr die üblichen Bleikugeln, sondern die neuen Spezialgeschosse von Reichenberg mit molybdänbeschichteter Kupferkugel. Dank der rasanten Ladung treffen diese mit massiv mehr Energie im Tier auf und töten dieses rascher. In den meisten Fällen ist ein Ausschuss vorhanden und man findet massiv mehr Schuss-spuren am Anschuss als mit allen anderen Geschossen, die ich bis anhin verwendete. Seit ich diese Munition benutze, hatte ich keine Querschläger mehr und die Wildbretschäden reduzierten sich auf ein Minimum. Ich kann an dieser Stelle jedem Jäger wärmstens empfehlen, so rasch als möglich die moderne Ballistik zu nutzen. Die Vorteile für Jäger und Tier überwiegen dem dreifachen Anschaffungspreis für die Patronen auf jeden Fall.

 Gämsjagd
Jeweils nach ein paar Tagen intensiver Jagd auf Hirsche und Rehe beginnt für mich die eigentliche Gämsjagd und damit auch die fieberhafte Suche nach einer weiblichen Gämse. Da ich hauptsächlich im Waldgürtel jage, hat sich dieses Unterfangen bereits mehrmals als äusserst schwierig erwiesen. Obwohl ich die bevorzugten Rückzugsgebiete der Gämsen, welche oberhalb der Waldgrenze versprengt wurden und Zuflucht im Walddickicht suchen,  mittlerweile sehr gut kenne, ist diese Jagd sehr heikel. Die grösste Gefahr besteht darin, dass sich Kitze auf der Flucht vom Muttertier trennen und die Geiss dann vermeintlich „nicht führend“ erscheint. Damit läuft der Jäger ständig Gefahr, ein nicht jagdbares Tier zu erlegen, was ich auf jeden Fall zu vermeiden versuche.

Nachdem ich die Einstände in den tiefer liegenden Felswänden erfolglos abgeklappert hatte, blieb mir die Pirsch im Gebirgswald als letzte Möglichkeit, eine Gemsgeiss zu erlegen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit einigen Stunden im Wald pirschend unterwegs. Schritt für Schritt - die Sturmmütze über den Kopf gestülpt – einen Fuss vor den anderen stellend und alle 2-3 Meter die Gegend mit dem Feldstecher nach Wild überprüfen. Als ich das Gebiet erreichte, in welchem ich bereits mehrere Gämsen erfolgreich bejagen konnte, schien mir das Glück auch diesmal hold zu sein, denn ich entdeckte im Dickicht – rund 30 Meter entfernt -eine kapitale Gämse. Der Wald war jedoch so dicht, dass ich nicht einmal erkennen konnte ob es ein Bock oder eine Geiss war. Jetzt möglichst geräuscharm und ohne hastige Bewe-gungen den Rucksack ausziehen, das Fernrohr zur Hand nehmen und abwarten, ob sich zwischen den Bäumen noch weitere Gämsen zeigten. Plötzlich vernahm ich einen Pfiff. Ich wurde anscheinend entdeckt! Ich sah mich vorsichtig um und erblickte keinen Steinwurf entfernt einen schönen einhörnigen Bock. Ich schätzte sein Alter auf ca. 4 Jahren. Da der Wind leicht aufwärts zog, hatte er offenbar meinen Geruch in die Nüstern bekommen, jedoch ohne mich zu erblicken. Sein Alarmpfiff verunsicherte die Gämsen in der näheren Umgebung und es kam Bewegung auf. Plötzlich war ich von Gämsen umgeben. Böcke, Kitze, Geissen und Jährlinge wo immer ich blickte. Es war äusserst schwierig, den Überblick zu behalten. Natürlich wollte ich wenn möglich eine kapitale Gämsgeiss erlegen. Das Dickicht und die ständigen Positionsänderungen verunmöglichten ein sicheres Ansprechen. Als sich wenige Meter von mir entfernt ein Jährling niederlegte, sah ich eine gute Gelegenheit kommen. Da ich mich auf rund 1900 m.ü.m befand, musste ich sicher sein, dass es sich um einen Geiss-jährling handelte. Der Abschuss eines Bockjährlings würde mir die Möglichkeit rauben, einen kapitalen Bock zu erlegen. So blieb mir nichts anderes übrig als auszuharren. Die Gämsen waren noch immer unruhig und mein menschlicher Geruch breitete sich immer stärker in der näheren Umgebung aus, was die Gämsen in immer grössere Aufregung versetzte. Die Pfiffe ertönten nun immer regelmässiger und vereinzelt stampften die Geissen mit den Vorderläufen oder flüchteten ohne länger zu warten talwärts. Unerwartet erhob sich der jährlich vor mir und musste – wie üblich bei erhöhter Nervosität – kurz urinieren. Da war ich mir sicher, dass es sich um eine junge Geiss handelte. Ich legte die Büchse schussbereit an und wartete bis der Jährling eine gute Schussposition inne hatte. Kurze Zeit später konnte ich einen präzisen Schuss abgeben und voller Freude eine weibliche Gämse zu Tal tragen. Jetzt war die Jagd auf den kapitalen Gämsbock eröffnet!

Der Bock auf Piz Ajüz
Bereits in 3 Uhr 30 morgens war Tagwache. Mein Vater (er hatte auch die Gämsgeiss auch schon erlegt) und ich wollten heute in die Höhe gehen, um nach Gämsböcken Ausschau halten. Es lag ein Fussmarsch von mehreren Stunden vor uns. Als wir endlich die Waldgrenze erreichten und die letzten Bergarven hinter uns liessen, sahen wir auf dem Piz Ajüz zwei sehr schöne Gämsböcke. Bis dorthin waren aber noch einige hundert Meter Höhendifferenz zu überwinden und wir waren uns nicht sicher, ob wir die Strapazen auf uns nehmen sollten, zumal der Erfolg dieser Jagd alles andere als Gewiss erschien. 

Wir machten es uns erst einmal in den Legföhren etwas gemütlich, genossen ein kräftiges Marend, liessen die Seele baumeln und suchten dann die Gegend nach etwas Jagdbarem ab. Wenig entfernt erblickten wir nach kurzer Zeit eine Gämse, die in einem kleinen Tal zwischen den Legföhren äste. Da wir die Gämse nicht gut ansprechen konnten, entschlossen wir uns etwas näher an sie heranzupirschen. Bald zeigten sich weitere Gämsen und am Ende stellte sich heraus, dass es sich um ein kleines Rudel führender Geissen mit ihren Jungtieren handelte. Wir schlichen uns noch näher und erfreuten uns über den wunderschönen Anblick dieser eleganten Tiere. Wir waren nun so nahe, dass wir beinahe hörten, wie sie beim Äsen das Gras zupften. Diese Idylle dauerte jedoch nicht lange. Eine kurze Windböe und die Gämsen waren in heller Aufregung. Wenige Sekunden später verschwanden alle zwischen den Legföhren und wir setzten unsere Wanderung in Richtung Piz Ajüz fort. 

Einige hundert Meter über der Waldgrenze, ruhten wir erneut. Weiter unten entdeckten wir einen anderen Jäger am Rand der Legföhren. Er machte jedoch nicht den Eindruck als würde er noch intensiv jagen. Vielmehr hatte er sich zu einem gemütlichen Nickerchen entschlos-sen. Wie wir entspannt am Boden lagen, trat unerwartet eine Hirschkuh in unser Blickfeld. Sie musste von Italien gekommen sein. Nervosität machte sich breit! Feldstecher zur Hand und Rucksack zum Aufstützen bereit legen. Das Stück Kahlwild war alleine unterwegs und es schien jagdbar zu sein. Nun meldete sich doch noch die Vernunft zu Wort. „Wollten wir tatsächlich eine 60 Kilo schwere Hirschkuh auf rund 2500 Meter erlegen, um diese dann mit unendlicher Mühe mehr als 1500 Meter ohne motorisierte Hilfe zu Tal tragen?“ Wir entschie-den uns für die gemütlichere Variante und liessen die Hirschkuh ziehen. Als sie uns danach erblickte, wendete sie und machte sich auf den Weg in Richtung Piz Ajüz. Der Aufstieg war auf für sie anstrengend. Sie musste mehrere Male anhalten und erreichte den Sattel trotzdem bereits nach wenigen Minuten. Wir würden für dieselbe Strecke mehr als eine halbe Stunde benötigen. Endlich oben angekommen, stand sie noch eine Weile im Hohllicht bevor sie den Grat passierte und aus unserem Blickfeld verschwand. Später erzählten uns Jagdkameraden, dass sie sich just zu diesem Zeitpunkt auf der anderen Seite des Bergkamms aufhielten, als plötzlich die Hirschkuh auf sie zukam. Unsere Kollegen entschieden sich ebenfalls, das Tier ziehen zu lassen und sich weiter auf die Gämsjagd zu konzentrieren. 

Nach diesem adrenalinwirksamen Intermezzo wandten wir uns wieder dem „Spiegeln“ zu und konnten tatsächlich auf einer Distanz von rund 500 Metern zwei Gämsen entdecken. Sie lagen in der Nachmittagssonne im kühlenden Schatten grosser Steine und ruhten aus. Wir erkannten bald, dass es sich um 2- und 3-jährige Böcke handelte. Obwohl ich üblicherweise Böcke dieser Alterskategorie schone, versuchten wir uns Jagdglück trotzdem, da dies mein letzter Jagdtag war. Es  folgte ein mühsamer Aufstieg. Da der Wind in den Bergspitzen sehr oft unvorhergesehen wendet und momentan von unten hinaufzog, nahmen wir einen grösseren Umweg. Der Plan entwickelte sich positiv. Wir passierten die kleine Talsole unter den Gämsen, ohne dass die Böcke uns beachteten. Nach rund einer halben Stunde erreichten wir die gewünschte Höhe und mussten nur noch eine letzte Bergflanke durchqueren, bevor wir dann die Böcke auf einer Distanz von rund 50 Metern haben sollten. Kurz bevor wir den letzten Kamm überquerten, erkannte ich auf der gegenüberliegenden Talseite zwei flüchtende Gämsen. Bei einer Distanz von über 300 Metern war keinesfalls an eine Schussabgabe zu denken. Meine Befürchtung, dass die Böcke irgendwie von unserem Unterfangen Wind be-kommen hätten, bestätigte sich, denn sie waren nicht mehr in ihren Liegeplätzen zu finden.

Da sassen wir nun. Ermüdet vom mehrstündigen Aufstieg, enttäuscht über die verpatzte Jagdchance und von der Ungewissheit geplagt, ob wir die Hirschkuh vielleicht doch hätten erlegen sollen. Da wir nun schon fast die notwendige Höhe für die Pirsch auf die zwei Böcke im Piz Ajüz erreicht hatten, entschlossen wir unser Glück auf diese zu versuchen. Nach einem weiteren halbstündigen Aufstieg, vorbei an äsenden Steinböcken, begleitet von Gebirgsdolen und einem angenehm kühlenden Wind, erreichten wir die Bergkante. Hier mussten sich die Gämsböcke irgendwo zwischen den Felsen zur Rast gelegt haben. Es war jedoch nichts auszumachen. Weiter unten sahen wir die zwei Böcke von vorhin, wie sie die Felsige Bergflanke überquerten. Ich entschloss mich, noch etwas näher zu den versteckten Böcken zu pirschen. Doch schon kam Bewegung auf. Zwei Steingeissen mit ihren Kitzen hielten in diesen zerklüfteten Felsen ihre Siesta und fühlten sich von mir bedrängt. Sie stan-den in den Felsen, keine 50 Meter entfernt und beobachteten mich in meiner ungewohnten Umgebung.

Unverhofft standen neben den Steingeissen zwei Gämsen. Rasch den Feldstecher zur Hand! Tatsächlich! Zwei schöne Böcke. Einer mit langen Krickeln, der andere dafür etwas älter. Ich entschied mich für die schönere Trophäe. Da sich die Gämsen auf einem Felsvorsprung be-fanden und sich unter ihnen eine rund 200 Meter hohe Felswand auftat, musste der Schuss tödlich sein, so dass der Bock auf der Stelle bewegungslos einknicken würde. Ich liess die Kugel fliegen. Die Steingeissen und beide Gämsböcke verschwanden hinter dem nächsten Felsvorsprung. Steine fielen in die Tiefe. Bald sah ich weiter unten wie die zwei Steingeissen mit ihren Kitzen in Richtung Tal flohen. Es folgte ihnen jedoch nur ein Gämsbock. Der zweite war nicht mehr dabei. Nun wusste ich, dass der Schuss sass. Es war aber noch völlig offen, ob ich den Gämsbock in diesen Felswänden überhaupt bergen könnte.



Mein Vater, der noch etwas weiter hinten blieb, war mittlerweile bei mir angekommen. Auch er zweifelte, ob wir den Bock bergen könnten. Nichts desto trotz mussten wir zum Anschuss klettern. Wir fanden sehr rasch den Schweiss der getroffenen Gämse und folgten der Spur. Nach wenigen Metern konnten wir an den Fährten erkennen, dass der Bock dort zusammen-gesackt sein musste. Der Bock war jedoch nirgends zu sehen. Unter uns lauter Felsen. Ich befürchtete, dass der Bock nach dem Beschuss über die Felsen gestürzt war und nun zerschlissen am Fuss einer Felswand lag. Wir stiegen den Felsen hinunter, immer der Blutspur hinterher. Etwas weiter unter sah ich den Bock in einem engen Couloir verkeilt. zum Stillstand kam und ich einmal mehr einen wunderschönen und kapitalen Gämsbock erlegen durfte. Dieser stattliche Bock mit einer Krickellänge von 25cm war eines kräftigen Schlucks meiner Palorma (ein 18-jährigen Dominikanischer Rum) würdig. 

Nachdem sich die Freude über den Jagderfolg etwas legte, kamen Gedanken auf, wie wir nur den Weg – zusätzlich mit einem 30-Kilo-Bock beladen – aus diesen Felswänden finden würden. Diesen Abstieg hatten wir noch nie genommen. Wir hofften einfach auf ein gutes Ende und kletterten drauflos. Für den schlimmsten Fall hätte ich notfalls noch ein etwa 15 Meter langes Seil dabei. Zum guten Glück ging alles gut. Wir konnten die Felswände heil verlassen und im Licht der Abendsonne langsam talwärts schreiten. 

Das Jagdjahr 2008 war sowohl für meinen Vater als auch für mich wider Erwarten sehr gut ausgegangen. Unsere gemeinsame Jagdbeute bestand aus drei Hirschen, vier Gämsen und einem Reh. In diesem Sinn wünsche ich allen Lesern und Jagdinteressierten ein kräftiges Widmanns Heil und bis zur Jagd 2009.