Wie jedes Jahr, hoffte ich auch diesmal, dass sich mein Zeitmanagement verbesserte und sich der Anblick während der Sommermonate erhöhen würde. Einmal mehr wurden beide Hoffnungen jäh zerschlagen. Bis wenige Tage vor Jagdbeginn wusste ich noch nicht, ob ich tatsächlich Zeit hätte, an der sehnlichst erwarteten Jagd im September teilnehmen zu können. Hinzu kam, dass der Anblick den ganzen Sommer hindurch so karg war, dass ich tatsächlich davon ausging, erstmals in den mehr als 25 Jagdjahren kein Jagderfolg zu haben.
Im Morgengrauen des ersten Jagdtages
Da ich an meinen üblichen - mit viel Jagderfolg gesegneten – Ansitzen, im Vorfeld zur Jagd kein jagdbares Wild beobachten konnte, entschied ich mich für einmal etwas Neues zu versuchen. Wie auch schon in den Vorjahren begleitete mich mein Sohn die ersten paar Jagdtage und wir entschlossen uns, das Wild unweit der Fettwiesen auf ihrem Wechsel in den Tageseinstand abzupassen. Eine Woche zuvor wechselte ein jagdbarer Schmalspiesser auf guter Schussdistanz dort vorbei.
Um allfällig am Waldrand stehendes Wild nicht zu vergrämen, warteten wir in der Deckung und betraten den Ansitz erst als die Jagd um 06:15 effektiv eröffnet war. Wie befürchtet, war weit und breit nichts zu sehen. Die Morgendämmerung war schon weit fortgeschritten, so dass ich nicht hoffen konnte, eventuell doch noch etwas zu erblicken, was infolge schlechter Sicht im Dickicht unentdeckt geblieben wäre. Im ganzen Tal war kein Schuss zu hören, was darauf schliessen liess, dass auch die übrigen Jäger mit einer ähnlichen Situation wie ich konfrontiert waren.
Doch plötzlich trat an exakt derselben Stelle wie eine Woche zuvor, ein Hirsch lautlos aus dem Unterholz und wollte über die Geröllhalde in den nahen Tageseinstand wechseln. Augenblicklich änderte sich die Situation. Der Hirsch auf bester Schussdistanz. Nur keine Hektik! Noch einmal prüfen, ob’s tatsächlich derselbe Hirsch wie vor einer Woche war und dann Schussabgabe. Also nahm ich meine Feldstecher zur Hand und schon war die Enttäuschung wieder da. Der Schmalspiesser war zu lang. Die Stangen überragten die Lauscher, weshalb ich ihn ziehen lassen musste. Gemütlich und genüsslich zog er an uns vorbei. Obwohl wir keine Jagdgelegenheit hatten, genossen wir die Zeit, wie dieser schöne Hirsch - ohne von uns Notiz zu nehmen - gemütlich seine letzten Bissen saftigen Grüns mitnahm und nach ein paar Minuten zwischen den Bäumen verschwand. Das war’s dann auch schon vom ersten Jagdtag; wahrlich nicht berauschend.
Am zweiten Jagdtag musste mein Sohn wieder nach Hause und zur Schule gehen, weshalb ich mich am Abend dann alleine zum Ansitz an einer kleine Waldlichtung machte. Diesen Ansitz errichtete ich erst vor 2 Jahren. Bereits letztes Jahr hatte ich dort Jagderfolg. Ich war also guten Mutes. Die Sonne war untergegangen und das helle Licht schlich lautlos und langsam den Berghang empor bis zu den Berggipfeln, um dann für ein paar Stunden der Dunkelheit Platz zu machen. Der Bergwind hatte bereits eingesetzt und es begann kühl und frisch zu werden. Ich krempelte den Kragen hoch, zog die Kapuze über den Kopf und steckte die Hände in die Jackentasche, um nicht klamme Finger zu kriegen.
Kurz vor dem Eindunkeln glaubte ich den Träger und das Haupt eines Hirsches im Dickicht zu erblicken. Rasch nahm ich den Feldstecher zu Hand und tatsächlich stand dort ein Schmaltier, welches die Lage aus dem Dickicht heraus kontrollierte. Würde sie in die Lichtung treten oder sich wieder in den schützenden Wald zurückziehen? Durch den Feldstecher erkannte ich, dass es sich um ein Schmaltier, möglicherweise etwas älter, handelte. Doch war sie säugend oder nicht? Das Tier verharrte Regungslos an Ort und Stelle und Sicherte die Umgebung während mehrer Minuten. Ein Ansprechen war unmöglich. Ich musste warten, bis sie auf die Lichtung trat. Unverhofft setzt sich das Tier in Bewegung und überquert die Lichtung im Trab ohne auch nur kurz zu verhoffen. Unmöglich zu erkennen, ob sie Gesäuge hätte. Glücklicherweise hielt sie auf der anderen Seite der Lichtung zwischen einzelnen Junglärchen an und begann zu äsen. Da nun jede Sekunden zählte, beobachtete ich das Schmaltier durch mein Zielfernrohr. Mit 12-facher Vergrösserung würde es ein Leichtes sein, die Jagdbarkeit zu beurteilen. Tatsächlich als sie bergwärts äste, konnte ich sehr gut erkennen, dass kein Gesäuge vorhanden war. Nun musste ich nur noch abwarten, bis sie sich in eine optimale Schusslage begab. Der Spannhebel meiner Wüthrich-Büchse war bereits gezogen. Als sich das Tier dann endlich wendete, konnte ich mit leichtem Druck am Abzug die Kugel auslösen. Zusammen mit dem ohrenbetäubenden Knall brach das Tier zusammen und rollte noch ein paar Meter talwärts bevor es im hohen Farn zum Stillstand kam.
Nun war rundherum plötzlich Stille. Die Grillen haben mit dem Zirpen aufgehört und die Vögel haben ihr abendliches Konzert vor lauter Schrecken unterbrochen. Das Rauschen der Fahrzeuge auf der Hauptstrasse im Tal war für Kurze Zeit zu hören, um alsbald von der abendlichen Geräuschkulisse des Waldes wieder verschlungen zu werden. Bis ich die rote arbeit erledigte und das Schmaltier zur Strasse transportiert hatte, war mein Vater, der den Schuss vernommen hatte, bereits den Jeep holen gegangen und erwartete mich am Waldweg.
Ein schwieriges Gämsjahr
Trotz intensiver Bemühungen und gewaltiger Pirschgängen ist es mir dieses Jahr nicht gelungen, eine weibliche Gämse zu erlegen. Der Anblick mehrer kapitaler Gämsböcke musste über die Enttäuschung fehlender Jagdchancen auf eine jagdbare Gämsgeiss hinwegtrösten. Die geänderten Jagdbestimmungen mit einem Unterbruch der Jagdzeiten etc. haben mich dann bewogen die kurze Zeit, die mir noch geblieben war, für die Jagd auf Rehe zu nutzen.
Seit vielen Jahren beziehe ich meinen Ansitz auf Rehe auf einem Baum von wo aus mir einige unvergessliche Jagderlebnisse geblieben sind. Bereits am späten Nachmittag nahm ich den Ansitz ein. Gut ausgerüstet mit genügend Marend und etwas zu trinken, wollte ich abwarten was sich zeigt und wenn möglich einige Videoaufnahmen machen. Vor Jahren, als ich diesen Ansitz erstellte, kam es vor, dass ich an einem Abend bis zu 20 oder mehr Rehe erblicken konnte. Nachdem die Abschussvorgaben in den letzten 10 Jahren massiv angehoben wurden, hat sich der Anblick massiv reduziert. Mit etws Glück, kann man während der ersten Jagdtage aber immer noch mehre Rehe beim Äsen beobachten. Es ist aber nicht mehr mit den Verhältnissen von früher vergleichbar.
Die Qualität des Ansitzes wurde auch an besagtem Tag erneut bestätigt. Bereits kurze Zeit nachdem ich im Ansitz eintraf, trat eine schöne Ricke mit ihrem Kitz aus und äste unweit von mir. Etwas später erkannte ich weiter unten einen schönen Gabler-Bock und im Dickicht vor mir einen Spiesser-Bock. Keine halbe Stunde später trat eine junge Ricke aus dem Unterholz und machte sich genüsslich am frischen Grün der Herbstwiese zu schaffen. Nach einer ganzen Weile des Beobachtens war ich mir sicher, dass die Ricke jagdbar war und ich entschloss mich zur Schussabgabe. Das Reh hatte meine Anwesenheit zu keinem Zeitpunkt bemerkt und äste unverändert auf perfekter Schussdistanz. Ich machte eine gute Auflage für die Schussabgabe bereit und wartete bis das Reh eine annehmbare Schussposition hatte. Kurze Zeit später konnte ich die Kugel abgeben und das Reh brach tödlich getroffen zusammen.
Nachdem die rote Arbeit erledigt war und ich feststellte, dass die Uhr erst kurz nach 18 zeigte, entschloss ich mich bis zur Abenddämmerung nochmals auf den Ansitz zu gehen und zu schauen, ob der Spiesser-Bock, den ich noch kurz vorher im Dickicht erkannt hatte, allenfalls später noch austreten würde.
Mittlerweile meldete sich der Hunger bei mir und ich begann mich an der mitgebrachten Jause genüsslich zu tun. Nach der Schussabgabe kam nun wieder etwas Leben zurück. Die ersten Vögel waren wieder zu sehen und auch ein Hase hoppelte über die Wiese, um kurze Zeit später im Laub der Haselstauden zu verschwinden. Als es bereits eindunkelte, trat tatsächlich der Bock aus und begann in grösserer Entfernung zu äsen. Ein kurzer Blick durchs Fernrohr bestätigte mir dass er jagdbar war. Da sich der Bock ruhig verhielt und anscheinend keine Kenntnis von meiner Anwesenheit hatte, entschloss ich mich zu warten, bis sich der Bock noch etwas mehr an meinen Ansitz näherte. Schritt für Schritt kam er auf mich zu und ich konnte mich wieder ohne Hast auf den Schuss vorbereiten. Alles war installiert und der Bock in guter Schussposition. Zusammen mit dem lauten Knall ging der Bock ohne eine weitere Bewegung zu Boden.
Mittlerweile war es bereits dunkel geworden und ich rief meinen Vater an, dass er mich abholen würde. Er hatte auch Jagderfolg auf eine Rehgeiss gehabt und wir konnten den Tag gemeinsam erfolgreich abschliessen.
Positiver Jagdunterbruch
Wie immer war nach wenigen Tagen kein Hirschwild mehr im Revier auszumachen. Seit einiger Zeit wird während der ordentlichen Jagd, nach etwas mehr als einer Woche, ein Jagdunterbruch von mehreren Tagen eingeschoben. Bis anhin hatte diese Neuerung aus meiner Sicht keine Änderung des Jagderfolges ergeben. Trotzdem waren wir am Vorabend wie immer auf unserem Beobachtungsposten und schauten, ob sich etwas Wild im Revier zeigen würde. Tatsächlich ein ganzes Rudel Hirsche war zugezogen und hatte sich im Dickicht unweit einer Waldstrasse eingenistet. Das war ein gutes Vorzeichen. Der Standort des Rudels war optimal. Wenn sich die Hirsche auch am Folgemorgen dort aufhielten, wären unsere Jagdchancen sehr gut.
Früh morgens machten wir uns auf, das Rudel zu bejagen. Wir wussten natürlich nicht, wie sich die Hirsche über Nacht bewegten und wo sie sich nun aufhielten. Als ich der Waldstrasse entlang lief, um auf meinen Ansitz zu gelangen, hörte ich ein leises knacken im Wald. Es war immer noch tiefschwarze Nacht. Ich hielt kurz inne und lauschte in die Dunkelheit hinein. Es war nichts mehr zu hören, weshalb ich mich nach ein paar Minuten entschloss weiterzugehen. Kaum hatte ich zwei Schritte getan, ging das Getöse im Wald los. So wie es sich anhörte, flüchtete das gesamte Rudel, welches sich nur wenige Meter unterhalb der Waldstrasse im Dickicht aufhielt. Wie war ich enttäuscht! Ein Rudel mit etwa 5 jagdbaren Hirschen, Schmalspiessern und Kahlwild wurde von mir vergrämt bevor es überhaupt richtig losging. Trotzdem ging ich, wie mit meinem Vater vereinbart, auf den Ansitz und wartete, dass er den vereinbarten trieb durchführte.
Als ich am Ansitz ankam war der Tag bereits angebrochen. Vor mir lag eine grosse Waldlichtung, welche jedoch einsam und verlassen erschien. Die Hoffnung auf einen erfolgreichen Jagdtag war nach dem unglücklichen Zwischenfall in der Dunkelheit auf einem Tiefpunkt angelangt. Trotzdem blieben meine Augen stets auf die Lichtung gerichtet, denn mein Vater würde früher oder später mit dem Trieb beginnen und es könnte jederzeit etwas über die Lichtung wechseln. Eine ganze Weile war bereits vergangen, als ich im Augenwinkel glaubte eine Bewegung registriert zu haben. Ich wendete meinen Kopf kurz zur Seite und siehe da! Ein Hirsch äste völlig unbekümmert bei Tageslicht am Waldrand, keine 50 Meter von mir entfernt. Von blossem Auge konnte ich die Jagdbarkeit des Hirsches erkennen, weshalb ich mich zur sofortigen Schussabgabe entschied. Nochmals einen kurzen Kontrollblick durch das Zielfernrohr und schon begann die Kugel ihre tödliche Reise durch die kühle Morgenluft. Der Hirsch stand breitseitig und ich konnte einen perfekten Blattschuss anbringen. Tödlich getroffen versuchte er noch zu flüchten, fiel aber nach wenigen Schritten zusammen und lag regungslos im hohen Farn. Jetzt war natürlich der Erwartung gross, dass sich auch andere Hirsche aus dem am Vortag beobachteten Rudel, durch die Schussabgabe aufgeschreckt, bald bei mir oder meinem Vater zeigen würden. Aber es blieb still. Weder bei mir noch bei meinem Vater regte sich etwas. Anscheinend hat sich dieser Hirsch unabhängig von besagtem Rudel hier niedergelassen, ohne dass wir ihn am Vorabend entdeckt hatten. Erfreut über diesen überraschenden Jagderfolg machten wir uns mit dem braven Hirschen auf den Heimweg.
Jagdabschluss
Weder ich noch mein Vater hätten gedacht, dass dies unser letzter Jagderfolg während der ordentlichen Jagd 2009 gewesen sein sollte. So wie uns war es anscheinend vielen anderen Jägern ergangen, weshalb noch eine hohe zusätzliche Abschussquote an der Herbstjagd zu erfüllen war.
Der Schneefall hatte bereits gegen Ende Oktober erstmalig eingesetzt, weshalb die Hirsche früh zugewandert waren und einige Herbstrudel bildeten. Dank einer intensiven Bejagung hatte mein Vater das Glück, doch noch etwas Hirschwild zu erlegen, währenddem ich ein Stück Kahlwild erlegen konnte. Insgesamt hat uns das Jagdjahr 2009 doch noch unerwartet schöne und eindrückliche Jagderlebnisse beschert. Wir freuen uns auf die Jagdsaison 2010 und hoffen auch im nächsten Jahr wieder viel Jagderfolg erleben zu dürfen.